Mondstrahlen und Medaillen – über die Bewertung von Wein und Bier. 

David Bubba Brooks hat sich ganz schön eingeschmeichelt. Mit seinem weichen Tenor-Sax-Sound hat er eine ganze Generation in seinen Bann gezogen. Aber das ist lange her. Und: sein Bewertungssystem war noch nicht ganz ausgereift: Polkapunkte und Mondstrahlen. Nota bene: Die malerische Verteilung der Punkte war ihm wichtiger, als ihre Anzahl.

Das Bezugssystem! Es geht um das Bezugssystem!

Parkerpunkte sind weniger romantisch, als Polkapunkte, Mondtrahlen und Brooks‘ Tenorklang. Sie dienen der Verkaufsförderung und der Erziehung der Klienten: Eine gegen hundert gehende Bewertung rechtfertigt auch einen hohen Preis.

Liegt ein Wein oder ein Bier gut, im Dreieck Hype/Punkte-Bewertung/geile Aufmachung, so ist sein Erfolg garantiert. Unthematische Informationen, also alles außer Haptik (Mundgefühl, Rezenz,…), Geruch und Geschmack, beeinflussen die Wert-Schätzung des Getränks meist weit stärker, als die tatsächlich beim Genuss gewonnenen Sinneseindrücke. Wir kennen die Riege der „Etikettentrinker“. Sie ist zumindest in der Überzahl. Bei Wein wird der Eindruck, den die Aufmachung erweckt, gegebenfalls durch seine Punktezahl ergänzt. Bei Bier sind es eher Medaillen. Sie glänzen, wie weiland die Mondstrahlen von Bubba Brooks.

Wenn wir uns bei der Wahl des Getränks auf Punkte oder Gläser verlassen, lagern wir die Sensorik aus. Vielleicht gar keine schlechte Idee? Aber verdienen die Tester*innen unser unbedingtes Vertrauen? Ein österreichischer Star-Journalist und Herausgeber eines „Guides“ wurde einst darauf angesprochen, ob er wirklich alle Weine selbst probiert und warum er nicht verdeckt verkostet. Er antwortete, leicht indigniert, dass seine jahrelange Kenntnis der Weingüter ihm dabei hülfe, die Weine zu verstehen. Aha. Es versteht sich ja von selbst, dass der gute Mann jegliche Sym- und oder Antipathien vor dem Kost-Akt an der Garderobe abgibt. Dass in den Texten jahrelang Fehler mitgeschleppt wurden (zum Beispiel Verwechslungen von Weingütern bei Namensgleichheit), und dass blutsverwandte Winzer immer gut abgeschnitten haben, ist reiner Zufall und irren ist menschlich.

Ich habe selbst prämiert und bewertet. Fast immer reinen Gewissens. Was ich dabei in jedem Fall gelernt habe ist, wir alle haben eine Tagesverfassung. Wir, damit meine ich das Bier oder den Wein, mich und alle meine Kolleginnen respektive Kollegen. Zu sagen, dass das Sensorium sensibel ist wäre ein Gassenhauer. Aber: Bei Manchen und oder manchmal ist es über-sensibel.

Zur Psychologie der Bewertungs-Systeme

Das menschliche Gehirn kann beides: Komplex und primitiv. Der Faszination des Denkens wie jener des Unterbewussten steht ein dumpfes Beharren in simplen Mechanismen gegenüber. Bezugsrahmen für Bewertungen gehören zu letzterem.

Das beginnt bei den Medaillen. Sobald ‚Gold‘ draufsteht, wird ‚exzellent‘ verstanden. Oder ‚Spitze‘. Man kann sich den Mund fusslig reden, um den Unterschied zwischen einem Gütesiegel (Bei dem jedes fehlerfreie Produkt Gold bekommen muss, selbst wenn auf diese Weise alle Einreichungen mit Gold ‚ausgezeichnet werden) und einem Wettbewerb, bei dem aus ein paar hundert Einreichungen nur ein Produkt als Sieger hervorgeht. Die Hersteller ‚ausgezeichneter‘ Produkte nehmen das ‚Gold‘ dankbar her, stellen es in ihre Reklame. Ihnen kann man keinen Vorwurf machen. Wir, das Publikum, sind so blöde, nicht zu differenzieren – obwohl dazu nicht einmal eine komplexe Erkenntnis-Leistung notwendig wäre.

Ähnliches gilt für die Zahlensysteme. Hundert, das hat sich in uns eingebrannt, seitdem wir im metrischen System rechnen. Mehr als hundert Prozent geht nicht (außer in der rhetorischen Figur ‚Hyperbel‘, mit ihrer Hilfe kann man ‚hundertzwanzig Prozent‘ gegeben; oder vielleicht sogar ‚tausend‘, wie Fußballer es jedes Wochenende tun). Jeder, also auch alle, die nicht wissen, was eine Hyperbel ist, verstehen eine solche Übertreibung als rhetorische Figur, als Ausschmückung. Bewertungsschemata hingegen bleiben brav auf dem Teppich der Tatsachen. 100 ist der Plafond! Das anzuerkennen verstärkt die ‚Seriosität‘ der Skala. Es gibt derweil noch keinen Wein mit 105 Parker Punkten. Aber wer weiß, vielleicht …

Zwanziger oder fünfziger Skalen können demzufolge nie und nimmer mithalten, mit jenen, deren Obergrenze bei hundert liegt. Mögen sie noch so klug gestaltet sein. Sei mir also, bitte, nicht gram, lieber, hochgeschätzter René Gabriel. Man nennt auch nach wie vor PS und nicht Kilowatt. Denn bei gleicher Leistung ist die PS-Zahl größer. Welchen Wagen wollen Sie lieber steuern? Den mit 75 Kilowatt, oder jenen mit 102 PS?

Folglich haben sich mehrere Autoren der Hunderter-Skala bedient. Allen voran natürlich Robert Parker. Er behauptet, dass ihn der Kundengeschmack steuere. Kollegen wiederum meinen, dass er schwere, vollfruchtige Kreszenzen höher bewerter als dezent-elegante, vielschichtige Gewächse. Seis drum; ist man im Vollbesitz dieser Information kann man ja die Parkerdots relativieren. Zudem werden von seinem Verkostungsteam Weine, denen es viel Potenzial zutraut, mit einem Plus markiert; Gewächse, die sich weniger gut entwickeln könnten oder vielleicht nicht optimal da standen, beim Kost-Akt, werden mit einem Fragezeichen ausgestattet. Ein weiterer Vorwurf an Parker und sein Team: Ihre Bewertungen seien allgemein eher im höheren Bereich angesiedelt, Differenzierungen unter den Top-Gewächsen fielen daher nicht immer leicht. Ein Luxus-Problem.

Sicher ist, dass ein Wein, der mit vielen Parker Punkten (sagen wir ab 95) bewertet wurde, augenblicklich im Preis steigt. Solche Steigerungen können leicht das dreifache des Preises vor der „Prämierung“ ausmachen.

Der Schweizer René Gabriel war viele Jahre Einkäufer für Mövenpick. Er firmiert unter „Weinwisser“ (dot com), gibt seit einem Vierteljahrhundert den gleichnamigen, monatlichen, Infoletter heraus. Blickt man auf sein Web (am 16. Juli 2017) stößt man gleich auf alte Wohl-Bekannte: Dom Perignon, Sperrs (Angelo Gaja) und Penfolds Grange.

Weitaus launiger – und viel eher auf das Entecken aus – ist Captain Cork. Eine Website, die seit Jahren jung und erfrischend über Wein (und gelegentlich auch über Bier) berichtet. Dort werden allerdings (bis zu 5) Sterne vergeben. Des Captains Credo – „Gut ist, was schmeckt“ können wir nur doppelt und dreifach unterstreichen.

Apropos „Fünf“. Alexander Magrutsch, der das Magazin Wein.pur aufgebaut hat und bis dato höchst erfolgreich leitet, bewertet ebenfalls fünf, das heißt eigentlich sechs-stufig (Denn die Null ist ja auch eine Stufe). Bei ihm sind es allerdings Gläser, nicht Sterne, was aber im Grunde keinen großen Unterschied macht. Wein.pur hat im Laufe der Zeit eine umfangreiche Datenbank aufgebaut, die in unserem GENUSS.web abgerufen werden kann.

Wine-Times – schöne Texte statt nüchterner Zahlen

Ohne eigenes Bewertungssystem, aber dafür bellertistisch höchst wertvoll sind die Wine-Times; das Web des Genießers Helmut O. Knall. (Ich weiß, was das „O“ bedeutet). Wer lieber in schönen Texten und Bildern schwelgt (das geht kaum ohne dabei ein bisschen neidig auf den alten Herumtreiber zu sein), der sollte sich Zeit nehmen, eine gute Flasche öffnen und die Wine-Times lesen. Wenn Sie beim Fazit angelangt sind, werden Sie verstehen, warum ich dort, auch zwischen den Zeilen, mehr Wein-Tipps heraushole, als bei allen Punkten, Sternen, Gläsern. Bedenken wir einfach: Unsere Sinnesorgane melden Reize auch nicht digital, senden keine Zahlen.

Bewertungs-Systeme beim Bier

Nein. Es handelt sich um keinen Kriminalfall, sondern nur um Ausübung von Marktmacht. Auch wenn der „Fall RateBeer“ von einem Professor für Kriminologie mit Expertise in quantitativen Methoden aufgedeckt wurde. Der gute Mann hatte Mitte Juni 2017 erfahren, dass sich AB-InBev, der weltgrößte Bier-Multi-Mega-Konzern, schon im Oktober 2016 bei RateBeer eingekauft hatte. Er leitete darufhin seine Untersuchung ein. Die Ergebnisse (Das englischsprachige online-Magazin PASTE hat ihm viel Platz eingeräumt, um seine Untersuchungsergebnisse auszubreiten: bit.ly/paste_ratebeer) bestätigten die ernsten Bedenken von Craft Brauern, wie etwa Sam Calagione von Dogfish Head, der von RateBeer die sofortige Löschung seiner Biere eingefordert hatte. Inzwischen haben zahlreiche Bierfreunde RateBeer den Rücken gekehrt.

Die bekannteste alternative Bewertungsplattform ist das, ebenfalls englischsprachige „untappd“. Das Bewertungsmuster ist mit 1- bis 5 Punkten einfach. Jede und jeder kann Biere hinzufügen, die Anzahl der Ratings und die durchschnittliche Bewertung werden übersichtlich angezeigt. Kleiner Wermutstropfen: untappd arbeitet am Markt mit harten Exklusivvereinbarungen. Wenn ein Store eine solche unterzeichnet hat, darf es keine Aktivitäten mit einer anderen Plattform durchführen. Derlei ist im Geschäftsleben usus, aber nicht gerade „crafty“.

BeerTasting.Club

Als ob Peter Reimann es gefühlt hätte. Er brachte seine Plattform BeerTasting.Club in jenen Tagen auf den Markt, als sich AB InBev bei RateBeer eingekauft hatte. Reimann: „Der Craftbiergedanke – kreative, mit Sorgfalt gebraute Produkte – liegt dem Team von BeerTasting.Club am Herzen“. Die private Bierrating-Plattform wird von einer Handvoll Enthusiasten in Salzburg gemanagt. Am 15. Februar 2018 waren dort 18.283 Biere und 3.517 Brauereien erfasst. Es gab 165.127 Bewertungen und 5.440 Rezensionen. Für Peter Reimann ist es „Zentrales Anliegen, unabhängig zu bleiben“. Nur wer frei von den Strippenziehern der Multis agiert, kann dem Biergenießer unabhängig generierte Informationen bieten.

www.bier-index.de

Die Pioniere der deutschsprachigen Bier-Bewertung betreiben noch immer ein außergewöhnlich gut bestücktes Portal. Es gibt keine für Adroid oder iOS optimierte App, aber die Website lässt sich auch am Smartphone halbwegs anständig bedienen. Die Bewertungsplattform gibt eine Verkostungsanleitung und hält einen Bewertungsbogen zum Download bereit. Die beste Bewertung lautet „100%“. Am 24. Juli 2017 waren auf bier-index.de 31.188 Biere von 3.509 Brauereien erfasst, die Plattform nennt 37.510 Biertests, die jüngsten Bewertungen stammen vom selben Tag.

Gescheiter oder gescheitert?

Neben den großen vier gibt es einige Versuche, die nicht so erfolgreich verlaufen sind. Craftbeerrating.com zeigt nur eine Platzhalter-Seite und die Website Craftbeer-Revolution ist leider nicht wirklich „revolutionär“. Es gibt keine App und man kann ausschließlich Biere bewerten, die eingepflegt sind. Was eventuell zu tun wäre, wenn ein Bier oder eine Brauerei noch nicht erfasst sind, wird nicht gesagt.

Bierbewertungen auf webseiten von Bier-Magazinen

Der „Hättiwari“ grinst diabolisch, wenn ich daran denke, wie sehr ich mir schon vor 10 Jahren eine online Erfassung mit entsprechendem Such-Tool gewünscht hatte, dieses Desiderat aber in unserem Verlag nicht nachdrücklich genug verfolgt habe. Hunderte Rezensionen und Bewertungen, die wir kommissionell in Blindverkostungen für bier.pur durchgeführt haben, sind so im Orkus der Geschichte verschwunden. Der Meininger Verlag macht das etwas besser, allerdings nicht gut: Die Ergebnisse des „Craft Beer Award“ lassen sich nur wenig zufriedenstellend am Web abrufen. Es gibt weder einen Download von Listen noch eine Kategorie-Übersicht, lediglich eine Auflistung aller Platin-, dann Gold- und im Anschluss Silbermedaillen. Es muss jedes prämierte Bier angeklickt werden, um zu erkennen, in welcher Kategorie das Bier gewonnen hat. Außerdem gibt es – wohl aus gutem Grunde – keine Übersicht über die Anzahl der Auszeichnungen pro Kategorie. Am Web des Craftbeer-Magazins haben wir keine Bewertungen gefunden.

Fazit: Bislang hat sich „Im Bier“ noch kein System so durchgesetzt, wie die Parker-Punkte im Wein. Vielleicht, weil im Bier die Plattformen zu „kreativ“ zu Werke gehen. Zudem werden in fast allen erwähnten Modellen, die Biere vom Schwarm bewertet. Das gibt den Publikumsgeschmack wider, was auch nicht „Alles“ ist. Professionell bewertete Biere findet man auf keiner Plattform mit Suchmaschine.

Die wichtigste Botschaft, die der alte Mann an seine Leserinnenschaft richtet lautet: Trainiert Euren Gaumen und Eure Nasenschleimhäute! Nützt jede Möglichkeit, euer Selbstvertrauen zu stärken. Verwendet Punkte-Bewertungen – aber um Euch daran zu reiben, um festzustellen ob er oder sie recht gehabt hat, mit der Bewertung. Wenn ihr auseinanderliegt, schiebt das nicht reflexartig auf Euch selbst. Auch Gurus können irren oder einen schlechten Tag haben. Seid offen und hinterfragt beides: Euer eigenes Sensorium und die Skala. Und rechnet nicht, sondern genießt! Geniiiieeeßt!

Wein-Bewertung

Hundert-Punkte-Systeme

Robert Parker, Wein-Plus, Winespectator, Gault-Millau, Guía Peñín (ausschließlich spanische Weine)

Zwanzig-Punkte-Systeme

Jancis Robinson, René Gabriel

Fünf Sterne oder Gläser-Systeme

Wein.pur (erscheint seit 2018 nicht mehr) Captain Cork, Michael Broadbent

Drei Gläser

Gambero Rosso (ausschließlich italienische Weine)

Wine Times

Qualitative (und sehr qualitätsvolle) Beschreibung anstelle von Zahlen

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