Jamie Oliver und der Hendl-Jahn

Am 20. April gastiert der Fernsehkoch Jamie Oliver in Wien. Er erinnert mich irgendwie an den Wienerwald Erfinder. Beide haben – nicht gerade als Tellerwäscher, aber hart arbeitend – in der Gastro begonnen. Sie haben sagenhafte Karrieren hingelegt und Unternehmens-Imperien aufgebaut. Friedrich Jahn begann als Servicekraft in München und Trevor „Jamie“ Oliver in Essex und dann London; „wo er am Westminster College im Rahmen einer schulischen Hauswirtschafts-Ausbildung das Kochen erlernte“ (Wikipedia).

Das Imperium der toten Vögel ging selber über den Jordan

Zehn Jahre nach Eröffnung des ersten Jahn-Restaurants (1955) konnte man 174 Wienerwald-Betriebe zählen. Anfang der achtziger Jahre war das Imperium der toten Vögel in achtzehn Ländern auf vier Kontinenten tätig. Nicht nur die Anzahl der Betriebe wuchs, es wurde auch diversifiziert, auf Teufel komm raus. 1982 ging der „weltweit mit vielfältigen Aktivitäten tätige Konzern“ über den Jordan. Jahn verlor seine Unternehmen.

Und Jamie Oliver? Aus dem als Naked Chef überaus sympathisch Agierenden wurde eine Marke, die inzwischen über zahlreiche Aktivitäten gestülpt wird. Einige passen für meinen Geschmack nicht wirklich zur ursprünglichen Aura des TV-Kochs.

Ungarn realisieren in Österreich das Konzept eines Engländers zum Thema italienische Küche.

Morgen weilt der Meister in meiner Heimatstadt, Wien. Hier, in Österreich, haben Ungarn ein Konzept des Engländers zum Thema italienische Küche realisiert: Jamie’s Italian Downtown Vienna. Man mag das für eine gelungene Mischung unterschiedlicher Einflüsse aus Europa halten, andere meinen, diese Kombination wäre eklektizistisch.

Ich habe gestern in Hamburg in einem kleinen italienischen Lokal, der Weinstube Da Luigi in Barmbek gegessen. Ein intimes und für mein Gefühl authentisches Erlebnis. Auch die hervorragenden Güte der außergewöhnlichen Pasta und der Weine wäre zu erwähnen. Luigi stammt aus den Abruzzen. Er spricht – trotz 36 Jahren Hamburg – ein noch sehr italienisches Deutsch. Am Luegerplatz hingegen hört man eher ungarisch. Auch eine schöne Sprache.

Da Luigi in Barmbek ist ein Nachbarschaftsladen

Ihr meint, der Vergleich wäre ungerecht? Auf der Website steht, „Jamie’s Italian wurde als Nachbarschaftsrestaurant konzipiert, in dem sich jeder willkommen fühlt und ungezwungen genießen kann, ganz gleich zu welcher Tageszeit“. Marketing-Sprech, wie wir ihn kennen. Und: „Italienisch“ ist halt immer gut, wenn es ums Essen geht und dient vielen Ketten als gastronomisches Grundmuster. Bei der Erinnerung an so manches Bild aus diversen JO-Serien denke ich beim großen Restaurant (Seitdem McDonalds die deutschsprachigen Märkte aufmischt, schwingen bei dem Wort „Restaurant“ neue Konnotate mit) eher „Diskrepanz“ denn „Übereinstimmung“. „Authentizität“ kommt mir bei Ketten-Konzepten gar nicht in den Sinn.

Dann noch die nicht verstummen wollende Gerüchte um wirtschaftliche Probleme. Sie trüben den Glanz des inzwischen zum Imperium angewachsenen Konglomerates aus Medienproduktion und Gastronomie des Publikumslieblings. Schließt sich da der Bogen von Jamie zum Hendl-Jahn? Wir wollen es nicht hoffen.

Nachsatz. Die Sprache ist und bleibt ein Mysterium. Man könnte Größe diagnostizieren, bei jemandem, der nicht unbedingt Größe anstrebt. Zumindest nicht um jeden Preis.

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