Die Vielfalt, die wir meinen

Vielfalt bedeutet keine einfache Aneinanderreihung, sondern Potenzierung. Das Ergebnis ist unbekannt, gleichzeitig aber spannend – ein kreativer Prozess eben, wovor man keine Angst haben muss„. Nataly Jung-Hwa Han hat diese Sätze im politischen Kontext geäußert. Sie können aber ebenso für die Bierwelt angewendet werden. Die neue Bier-Vielfalt, wie wir sie seit ein paar Jahren sehen, hat viel Gutes bewirkt. Doch die Medaille hat auch eine Kehrseite.

Die Vielfalt, die wir meinen, ist nämlich beileibe nicht mit „Beliebigkeit“ zu verwechseln. Qualität (im Sinne hoher Güte) sollte ein – entscheidendes – Kriterium sein. Ich meine Bierqualität und nicht (nur) die Güte erfolgreicher Selbstdarstellung. Wir beobachten seit langem, wie Biere, die mit schweren Braufehlern behaftet sind, im Netz gehyped werden. Ist der Brauer berühmt, trägt er vielleicht gar die Uniform der Craft-Brewer (Kappe, Hoodie, Mähne oder Glatze, je nach Disposition; Rauschebart und Tätowierungen), wird seinem Gebräu gehuldigt. Auch wenn es schwhere Fehler hat. Das wäre vieleicht sogar amüsant, würde es die positive Entwicklung des Brauwesens nicht gefährden.

Ich erinnere mich an ein „Collaboration-Brew“ mit tollem Produktnamen, das auf facebook in den höchsten Tönen gelobt wurde, obgleich es in Wahrheit bestenfalls als Lehrbeispiel für Diacetyl getaugt hätte. Ich erinnere mich an eine Brauerei, deren Biere größtenteils unmittelbar nach Öffnen des Bügelverschlusses mit Getöse gen Himmel gefahren sind. Der Brauer wurde dennoch von seinen Jüngern verehrt, als hätte er höchstelbst das gesamte Brauwesen erlöst. Ich erinnere mich an ein Starkbier mit Essigstich, das von einem Teil der Community als Ultima Ratio des Bierstils gelobt wurde.

Musterbeispiel Kreuzberg

Mein Credo lautet: Sauberkeit und Akuratesse. Nur fehlerfreie Biere bringen uns weiter und die Vielfalt nicht in Verruf. Man kann nämlich auch so brauen, wie ich es vor wenigen Tagen in der alten Klosterbrauerei am Kreuzberg (Rhön) gesehen habe. Braumeister Ulrich Klebl hält seine Betriebsstätte wunderbar in Schuss; es ist eine wahre Freude. ER schafft das, obgleich er in einem alten Gemäuer braut, welches aus dem Jahr 1731 stammt. Klebl beweist somit, dass „Mikro“ nicht von „Mikrobe“ herzuleiten ist. Ich bin überzeugt: Vielfalt im Bier ist nur dann gut, wenn die in den Verkehr gebrachten Biertypen und Stile klar, sauber und fehlerfrei eingebraut werden.

Braufehler als „Individuelle Note“?

Biere, die durch Braufehler „einzigartig“ werden, sind für den Menschen zum Glück nicht giftig. Vergiftet wird lediglich das Klima in dem die zarte Pflanze „Craftbier“ wächst und erstarken soll. Solange es aber genügend Leute gibt, die in den sozialen Netzen Fehltöne als „Hausgeschmack“ oder „Individuelle Note“ feiern, werden so genannte „Stars“, die gute PR machen aber schlechte Biere brauen, dafür sorgen, dass der Begriff Craftbier auch negativ rezipiert wird.

Verkostungstrainings

Es gibt zwei Wege, dies einzudämmen, wir sollten sie parallel beschreiten: Möglichst breitenwirksame Verkostungstrainings, eventuell unter der Aufsicht jener Braumeister, die seit langem erstklassige, saubere Biere herstellen. Und die Würdigung, sowie die Förderung fehlerfeier Biere.

Ein erfolgreiches Produkt-Portfolio kann durchaus aus dem gelungenen Mix aus Bewahrung und Erneuerung bestehen. Ich erlaube mir das Diktum der Koreanerin bierig zu ergänzen: Vielfalt bedeutet Erneuerung auf der Grundlage einer wertvollen (Brau-)Tradition. Kreativität – unbedingt! Aber mit Respekt vor dem, was Braukunst im Laufe von Jahrtausenden hervorgebracht hat. Und nicht nur in den jüngsten 5 Jahrhunderten.

Der Biersepp

Editorial im Fachmagazin „Leidenschaft Craft“

Dieser Biersepp-Text ist Anfang März 2018 erschienen. Die Publikation „Leidenschaft Craft“ liegt den Fachmagazinen „Brau Industrie“ und „Getränke Fachgroßhandel“ bei.

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