Der Augenblick ist wichtiger als der Moment.

Über die Dominanz des Gesichtssinnes – auch beim Bier-Kosten.

Endlich steht sie vor mir.

So schick sieht sie aus, in ihrem Papierkleid. Super-sexy, obwohl bodenlang und bis zum Hals verhüllt. Ich lächle sie an – aber sie bleibt cool. Auch das ist ein Vorteil des hübschen Mäntelchens. Was habe ich schon alles über sie gehört!? Ihr Erfolg ist weit größer als ursprünglich geplant, die Händler reißen sich um sie und ihre Geschwister. „Ihre“ Brauerei musste deutlich vergrößert werden und scheint trotzdem schon wieder zu klein zu sein. Das Inhalt der schön verpackten Flasche strömt in ein stylisches Craft-Beer-Glas. In einen schnöden Willybecher würde er sich nicht freiwillig ergießen! Jetzt naht der Moment, da dieser Duft erstmals meine Nase umschmeichelt …

Klebstoff?

Was ist DAS!? Klebstoff?? In Sekundenschnelle wandelt sich der hübsche Pfau zum hässlichen Uhu! Bin ich der Einzige der das riecht? War für alle anderen der Augenblick wichtiger als der Moment? Das hochgelobte Bier, Sieger in der Publikumsgunst, gefragt bis zum „Geht nicht mehr“ ist einfach nur – fehlerhaft. Und es beweist, was wir jeder und jedem angehenden Beerkeeper nahelegen: Das Auge trinkt mit. Mehr noch: Der Gesichtssinn scheint auch beim Bier weit wichtiger zu sein, als alle anderen Sinne.

Es steht 10.000.000 zu 100.000

Wer die Physiologie der Sinne kennt, wird sich darüber nicht wundern. Während der menschliche Gesichtssinn 10 Millionen Bits pro Sekunde verarbeiten kann, bringt es der Geruchssinn gerade einmal auf hunderttausend.

Was mich darüber hinaus nachdenklich macht: Bin ich als Beerkeeper nicht nur dazu imstande, sondern auch berechtigt, vielleicht sogar verpflichtet, die Publikumsgunst zu korrigieren, indem ich mit mahnendem Zeigefinger von der Schwäche des super-hübschen Bierchens predige? Oder habe ich es einfach zu akzeptieren? Das Votum des Publikums auf der einen und die Dominanz des Gesichtssinnes auf der anderen? Selbst aus dem Marketing kommend müsste ich eigentlich stolz sein, auf meine Berufskollegen, die ein solches Produkt so gut verpackt haben, dass es trotz offenriechlichen Schwächen so grandios angenommen wird.

Aber ich bin nicht stolz. Ich bin – nachdenklich. Und so entlasse ich Euch, liebe LeserInnen, ohne einen Schluss gezogen zu haben. Einen Schlusstrich unter diese Debatte kann man ohnehin nie ziehen. Freuen wir uns lieber. Auf exzellente Biere in exzellenter Verpackung.

PS: Die Ähnlichkeit bestehender Biere mit dem hier beschriebenen wäre – rein zufällig.

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